Gedanken zum theologischen Konzept des Breisacher Münsters

Dr. Bernd Mathias Kremer

Das Münster und seine Stadt
Was für eine Stadt ist Breisach; und durch welche Geschichte ist sie ausgezeichnet, welche hat sie durchlebt, welche hat sie durchlitten? Der Breisacher Münsterberg, umtost  von dem erst spät regulierten Rhein, der in unzählbaren Windungen und Seitenarmen die Stadt umspülte, war geradezu für eine frühe Besiedlung prädestiniert, bot er doch Schutz vor den ungezähmten Fluten und eignete sich hervorragend als Befestigungsbollwerk gegen die heranstürmenden Feinde. Demgemäß waren der Berg und seine Umgebung schon in früher Vorzeit Siedlungsgebiet. An der Wende des 1. Jahrtausends v. Chr. siedelten hier die Kelten, die auf dem Berg später eine Stadt errichteten. Die Römer erbauten ein Auxiliarkastell mit Prätorium, in dem Kaiser Valentinian 369 urkundete. Mit ihm betrat ein römischer Kaiser, der sich wieder zum Christentum bekannte, das Germanengebiet, nachdem sein Vorgänger Julian Apostata vom Glauben abgefallen war. Valentinian war nicht nur einer der ersten christlichen Kaiser, die unseren Boden betraten, ihm verdanken wir auch die frühe namentliche Erwähnung „mons Brisiacus“, mit der Breisach in die Geschichte eintrat.
 
Das Münster
Unser heutiges Münster hat vermutlich Vorgängerbauten in merowingischer und karolingischer Zeit[1]. Mit der Errichtung der ersten Kirchen und unseres heutigen Münsterbaues, trat ein Gotteshaus an die Stelle eines kaiserlichen Praetoriums und verkündete weithin sichtbar das Christentum in  unserem Land. Der Ort, an dem das Münster errichtet wurde, könnte nicht exponierter für ein solches Sakralbauwerk sein. Die Burg, die nach dem Übergang von Breisach an Herzog Berthold V. durch die Zähringer auf der Nordseite des Münsterberges als städtebauliches Gegengewicht und Herrschaftszeichen errichtetet wurde, ist vergangen, aber das Münster steht trotz aller  Unbilden der Geschichte noch, und durch dieses Sakralbauwerk werden Stadt und  Landschaft dominiert.
 
Wie die Arche Noah, die sich nach der Sintflut auf dem Berg Arafat niedergelassen hat (Gen 8,4) sitzt es auf der Südspitze des Münsterberges. Allein schon seine Existenz an dieser Stelle ist ein Fanal des Glaubens und erinnert uns an das Wort bei Matthäus 5, 14:
„Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf dem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben“.
Und bei all den leidvollen Zerstörungen, die das Münster im Laufe seiner Geschichte mitgemacht hat und aus denen es immer wieder wie Phönix aus der Asche neu entstand und zum Leben kam[2], denkt  man auch an die Verheißung die Christus keinem Bauwerk, sondern einem Menschen, Petrus, gegeben hat: „… auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nichtüberwältigen“.
 
 
Die Kirche, das Schiff
Die dreischiffige Basilika mit Querschiff[1] ist ein durch den Begriff des Schiffes im architektonischen und übertragenen Sinn geprägtes Bauwerk. Martin Gotthard Schneider hat dieses Faktum in einem beeindruckenden, von ihm getexteten und komponierten, Kirchenlied „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ für unsere Gotteshäuser zum Ausdruck gebracht:
 
„Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit.
Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit.
Das Schiff, es fährt vom Sturm bedroht durch Angst, Not und Gefahr.
Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg, so fährt es Jahr um Jahr.
Und immer wieder fragt man sich: Wird denn das Schiff bestehn?
Erreicht es wohl das große Ziel? Wird es nicht untergehn?“   
 
Jahrhunderte haben den Breisacher Münsterberg umkämpft, das Münster hat den Stürmen der Zeit getrotzt. Aber auch die Kämpfe der Gläubigen um ihren Glauben, der Kampf um die wahre Verkündigung und den rechten Weg des Einzelnen und der Gemeinde haben hier Zuflucht gefunden. In ihrer Treue können die Christen wie der Apostel Paulus sprechen: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt“. (2Tim 4,7)
 
Die Glocken des Münsters
Ist das Münster als Bauwerk über die Jahrhunderte ein sichtbares Zeichen des Glaubens, so sind es insbesondere auch seine Glocken. Sie verleihen dem Gotteshaus nach außen Leben und machen es schon aus weiter Entfernung akustisch wahrnehmbar. Sie werden geweiht, weil auch sie, wie das steinerne Bauwerk, Zeichen und Ausdruck des Glaubens sind. Ein über die Jahrhunderte gekommener Ausspruch bringt dies zum Ausdruck:
„Laudo deum verum, plebem voco, congreo clerum, defunctos ploro, pestem fugo, festa decoro“.
„Ich rühme Gottes Wahrheit, rufe die Volksmenge, vereinige die Geistlichkeit, wehklage über die Toten, verbanne die Pest, verschönere die Feste“.
 
Das Münster hat nach einer in den letzten Jahren erfolgten Glockenergänzung zehn Glocken. Es hat daher eines der monumentalsten Geläute in der weiten Umgebung[1]. Die älteste, die Totenglocke, aus der Zeit um 1350 trägt die Inschrift: „O König der Herrlichkeit, Christus, komm mit dem Frieden. Ave Maria“. Fast jede Glocke hat einen Namen und eine theologische Aussage und ist damit auch eine Form des Glaubensbekenntnisses. Deutlich wird dies insbesondere bei der zweitgrößten Glocke, der Tuba Dei, die im Jahre 1491 gegossen wurde. Die Posaune Gottes markiert zugleich die Vollendung des 'Jüngsten Gerichts' durch Martin Schongauer und den Tod des Künstlers. Sie erscheint auf dessen monumentalem Gerichtsgemälde und ist die Posaune Gottes am Ende seines eigenen Lebens.
 
Nicht alle Glocken stammen ursprünglich aus Breisach[2]. Fast als Wunder muss es indessen bezeichnet werden, dass so viele historische Glocken die kriegerischen Zeitläufe überstanden haben. Wurden sie als historisch wertvoll im Ersten und Zweiten Weltkrieg von der Einschmelzung verschont, erscheint es uns noch erstaunlicher, dass die Glocken die Zerstörung des Münsters im Zweiten Weltkrieg mit der erheblichen Beschädigung der Türme überlebten.  – Das verschiedene Aussehen der beiden den Chor flankierenden Türme  des Münsters stört nicht, sondern ist Teil der Individualität dieses Bauwerkes. Die beiden Türme profitieren davon, dass der Westturm nie zur Ausführung kam, denn er hätte sie in ihrer Bedeutung für das Gesamterscheinungsbild des Münsters degradiert. Noch schlimmer wäre es gewesen, wenn das Turmprojekt des 19. Jahrhunderts zur Ausführung gekommen wäre, da dies der Westfassade den Eindruck eines Mausoleums gegeben hätte[3].
 
Das 'Jüngste Gericht' von Martin Schongauer 
Das 'Jüngste Gericht' Martin Schongauers gehört zu den bedeutendsten Kunstwerken des Münsters[1]. Schon durch seine Dimensionen hat es auf den Besucher eine imponierende Wirkung. Stopfel weist darauf hin, dass es die größte Darstellung diese Themas nördlich der Alpen gewesen sei[2]. Wie muss erst der Eindruck gewesen sein, als es unmittelbar in seiner ganzen Farbenintensität am Ende des 15. Jahrhunderts durch den Künstler geschaffen worden war. Schongauer hat das Jüngste Gericht von Rogier van der Weyden gekannt, das dieser Mitte des 15. Jahrhunderts als Polyptychon (Vielbild) für Beaune geschaffen hat. Aber er hat dieses Werk, von dem er viele Elemente aufgenommen hat, keineswegs kopiert. Das zeigt sich bereits in einem zentralen Sujet: Während bei van der Weyden Christus und der seelenwägende Erzengel Michael geradezu gleiche Proportionen aufweisen, hat Schongauer auf die Darstellung des Erzengels verzichtet (was vermutlich nicht nur an dem unter Christus befindlichen Hauptportal liegt) und dadurch Christus zu der zentralen Figur der mittleren Gerichtsszene gemacht, um den sich die ganze Dramatik des Endgerichts abspielt[3]
 
Aber das 'Jüngste Gericht' in Breisach zeichnet sich noch durch etwas anderes aus. Der Gläubige, der sich dem 'Jüngsten Gericht' zuwendet, wird auf der einen Seite mit dem wiederkehrenden Christus und der eigentlichen Gerichtsszene konfrontiert. Rechts und links umschließen in die Paradies- und die Höllendarstellung. Durch die Monumentalität der Gestaltung und das ihn umgreifende Kunstwerk wird er praktisch als Akteur in die Dramatik des Endgerichtes einbezogen. In dieser Idee liegt eine der herausragendsten Gedanken Schongauers. Es ist nicht nur eine Gerichtsdarstellung unter der der Kirchenbesucher darunter hergeht, wie z. B. bei dem Tympanon des Freiburger Münsters, sondern der Mensch steht mitten  drin. Er wird zum Teilnehmer des Geschehens und alles was hier sich ereignet, ist ihm aufgezeigt und zu ihm gesprochen.
Von großer Wirkung ist das mittlere Gemälde mit dem wiederkehrenden Herrn, flankiert von Maria und Johannes und zahlreichen biblischen Gestalten. Es erinnert uns an die Beschreibung des Kommens des Menschensohnes bei Matthäus 24, 29 - 30:
„Sofort nach den Tagen der großen Not wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde jammern und klagen und sie werden den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen. Er wird seine Engel unter lautem Posaunenschall aussenden…“
 
Schwert und Lilie gehen vom Mund Christi aus, als Zeichen für Rettung und Verdammnis, die auch durch Spruchbänder angekündigt werden, die sich an den Text der Beschreibung  des Weltgerichts bei Matthäus im 25. Kapitel anschließen. Er sitzt auf einem Regenbogen, dem Zeichen der Versöhnung. Christus erscheint nicht allein. Neben den zentralen Gestalten von Maria und Johannes wird er von Aposteln und zahlreichen Gestalten des Neuen und Alten Bundes flankiert, unter ihnen Moses mit den Gesetzestafeln, ein Hauptgarant der göttlichen Gebote. In der Geschichte von Lazarus und dem reichen Prasser wird dies besonders deutlich (Lk 16, 19-31): Der in der Unterwelt gepeinigte Reiche bittet Abraham, seine Brüder vor seinem ins Unglück führenden Lebenswandel zu warnen. Und Abraham  antwortet ihm: „Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören.“
Als der reiche Prasser Abraham darauf hinweist, dass seine Brüder nur umkehren werden, wenn einer von den Toten wiederkommt, antwortet ihm dieser: „ Wenn  sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht“ (Lk 16, 28-31).
 
Im unteren Bereich des Gemäldes stehen die Toten aus ihren Gräbern auf; im Gegensatz zu den auf den beiden Seitenwänden abgebildeten Verstorbenen ist das Urteil: „Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.“ (Mt 25,46) über sie noch nicht gesprochen. Das Vorbeigehen an den gerade Auferstehenden hat einen besonderen Bezug zu den Gläubigen, die diese Pforte passieren, denn durch sie gelangten sie bis ins 17. Jahrhundert zu dem auf dem Münsterplatz befindlichen Friedhof auf dem ihre Toten bis zum Jüngsten Tag ruhten.
 
Die Nordwand, die Hölle
Einem ganz anderem Szenarium begegnen wir auf der Nordseite des Münsters. Noch viel dominanter und schrecklicher als bei Rogier van der Weyden ist hier die Hölle dargestellt. Jede Ordnung fehlt der bildnerischen Darstellung des Höllenchaos. Mit äußerster Intensität hat der Künstler das Schicksal der Unglücklichen dargestellt, denen Christus zuruft:  „Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist“ (Mt 25,41).
 
Verzweifelt recken die Menschen aus dem Flammenmeer und den wild um sie stürzenden Höllenfurien ihre Hände nach oben. Sie haben das Ziel ihres Lebens bei Gott versäumt und sind der ewigen Verdammnis anheimgefallen. In seiner ursprünglichen Farbintensität muss diese Darstellung auf die Zeitgenossen einen erschütternden Eindruck gemacht haben. Schongauer wollte mit diesem Gemälde aufrütteln. Kunst sollte den Menschen zur Umkehr aufrufen und hatte damit auch einen tiefgehenden pastoralen Auftrag.
Die Südwand, der Himmel
Ein völlig anderes Bild treffen wir auf der Südseite an. Hier ziehen die Gerechten, nach Ständen geordnet und von Engeln geleitet, zum Paradies. Über einer Balustrade stehen Engel und empfangen sie mit himmlischer Musik. Ihnen ist ewiges Glück vorausgesagt, wie Christus beim Weltgericht spricht: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist“. (Mt 25,34) In dem Gemälde finden wir auch einen lateinischen Text der die Freuden des Paradieses schildert und der mit den Worten beginnt:
 
„ Immer werden sein, weil ewig sie waren, die Freuden des Lebens
Für den, der sich freut, weil Gott selbst die Ursache der Freude sein wird,
und kein uneiniger Wille wird verschiedene Leidenschaften hervor bringen: …
Empfange schon jetzt die Freuden des versprochen Reiches,
nimm durch Wunderkraft und Glauben das, was du wünschest, dass es sei“.[1]
 
Welch ein Unterschied zum Los der Verdammten, das auf der Nordseite geschildert ist. Sie haben ihr himmlisches Glück für immer verspielt und erleiden Schmerzen, die sich der spätmittelalterliche Mensch besonders drastisch vorstellt. Der Kirchenbesucher wird angeregt, an die Worte des Psalms 25 zu denken: „Zu dir Herr, erhebe ich meine Seele. /  Mein Gott, auf dich vertraue ich. Lass mich nicht scheitern … “! (Psalm 25, 2) – So spricht dieses großartige Werk Schongauers, trotz der Schäden, die es durch das Überstreichen und den Münsterbrand 1945 erfahren hat, eine erschütternde Predigt zu dem Betrachter.
 
 
Zelebrationsbereich und Zelebrationsaltar       
Wir haben das Münster vom Haupteingang betreten und stehen nun vor der Mitte des Querschiffs  in der der neue Zelebrationsaltar im Zentrum der Kreuzesarchitektur der Kirche aufgestellt ist[1]. Er ist das eigentliche Herz der Kirche, nachdem der Hochaltar seine ursprüngliche liturgische Funktion aufgrund der durch das 2. Vatikanische Konzil durchgeführten Reformen verloren hat. Der Altar steht auf einem Holzfloß, das aus kräftigen Stämmen geschaffen wurde. Der gusseiserne Altar, der von Erzbischof Oskar Saier am 4. Februar 1996 konsekriert wurde, ist wie der Ambo mit der Friedenstaube und die Sedilien in seiner Form sehr reduziert. Der Altar als Tisch des Mahles und der Ambo als Tisch des Wortes sind wie der Priestersitz bewusst aus dem gleichen Material geschaffen worden. Die Leuchter weisen eine interessante Zahlensymbolik auf, auf die Erwin Grom[2] aufmerksam macht. Der Altar birgt einen der größten Schätze der Kirche, den Reliquienschrein der Stadtheiligen Gervasius und Protasius.
 
Reizvoll ist der Gegensatz zwischen dem sich fast ins Immaterielle auflösenden filigranen Lettner und der archaischen Gestaltung des Bodens im Zelebrationsbereich, auf dem wiederum ein ganz transparenter Altar steht. Diese Spannung macht das Besondere der Gestaltung von Prof. Franz Gutmann aus;. Sie behauptet sich auch in der künstlerisch hochkarätigen Umgebung und macht den Altar zum „Tisch des Herrn“ und zum „Mittelpunkt der Danksagung“. - Die Gestaltung des Floßes hat einen besonderen Bezug zu den beiden Stadtheiligen, kamen doch ihre Reliquien mit einem Schiff des Kölner Erzbischofs Rainald von Dassel vor 850 Jahren von Mailand auf dem Rhein nach Breisach, wo sie sich, so die Legende,  nicht mehr fortbewegen wollten. Die beiden Brüder Gervasius und Protasius starben als Märtyrer ums Jahr 60 in Mailand. Reliquien der beiden Brüder befinden sich – außer in Mailand und in Breisach[3]  - in verschiedenen Kirchen. Vor allem in Italien und Frankreich gibt es zahlreiche Kirchen, die ihrem Patrozinium gewidmet sind. Mit diesen beiden Heiligen hat Breisach eine besondere Situation. Neben den beiden Kirchenpatronen Stephanus und Laurentius schützen auch zwei Stadtpatrone das Münster und die Stadt. Sie sind gleichberechtigt auf den Seitenflügeln des Hochaltares abgebildet. Dass für Stadt und Münster Patrone gewählt wurden, die während der Epoche des römischen Reiches lebten und starben, scheint mir aufgrund der römischen Ursprünge Breisachs kein Zufall zu sein.
 
Der Lettner
Unmittelbar hinter dem Zelebrationsbereich erhebt sich der Lettner. Mit ihm begegnen wir wieder einem herausragenden Kunstwerk, das in besonderer Weise das Münster prägt und nach der Entfernung der meisten Lettner[1] in unseren Kirchen das Breisacher Münster fast einzigartig macht. Im Grunde ging der Lettner auf den Vorhang im Tempel in Jerusalem zurück, der den heiligsten Tempelbezirk ausgrenzte, aber beim Tod Christi in zwei Stücke zerriss und den Weg zum Innersten des Heiligtums freimachte. „Wir haben also die Zuversicht, Brüder, durch das Blut  Jesu in das Heiligtum einzutreten. Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch. Da wir einen Hohenpriester haben, der über das Haus Gottes gestellt ist“. (Hebr 10,19-21) Lettner stammen aus einer anderen liturgischen Epoche, die uns heute fremd ist, der Zeit der strengen Abschottung des priesterlichen Gottesdienstes am Hochaltar im Chor von der liturgischen Mitfeier des Volkes im Kirchenschiff, und prägten vor allem Stifts- und  Klosterkirchen. Eine Parallele hat der Lettner in den heute noch bestehenden Ikonostasen der orthodoxen Kirchen. Sie sind eine Wand, die mit einem Durchgang versehen und mit Ikonen geschmückt ist und den innersten Bereich dieser Kirchen von den Gläubigen trennt.
 
Der Breisacher Lettner ist in den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts entstanden. Schon im 19. Jahrhundert hatte man sich überlegt, ihn von seinem bisherigen Standort zu entfernen; besonders in der Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine lange und heftige Auseinandersetzung um den Standort des Lettners, eine wichtige Entscheidung, in die das Erzbischöfliche Ordinariat zahlreiche namhafte Gutachten von Kunsthistorikern einbezog. Aus der damaligen Sicht war der Streit nicht ganz unverständlich, weil der Lettner mit den noch darunter verbliebenen Altären weitgehend den Blick zum Hochaltar verstellte. Aber einerseits gab es keinen geeigneten anderen Standort. Andererseits änderte sich durch die Einführung der Zelebration der Messe zum Volk hin durch das 2. Vatikanische Konzil die liturgische Situation im Münster völlig. Mit der Entfernung der Altäre unter den Arkaden gewann der Lettner  seine Leichtigkeit zurück, die ihn zu einem Spitzenwerk der Spätgotik macht. Die ihm ohnehin innewohnende Transparenz[2]  – sie lässt kaum glauben, dass dieses Werk aus Stein geschaffen ist – wird jetzt sichtbar und erreicht den Betrachter in ihrer ganzen Schönheit
Zahlreiche Heilige, die zum Teil auch auf dem Schrein abgebildet sind, wie der hl. Gervasius, der hl. Protasius und auch die Heiligen Drei Könige sind am Lettner dargestellt. Diese verweisen darauf, dass ihre Reliquien gemeinsam mit denen der Stadtpatrone von Mailand an den Rhein nach Breisach bzw. nach Köln  gekommen sind. Statuen des hl. Stephanus, des hl. Josef, von Maria mit dem Jesuskind, der hl. Anna, des hl. Joachim, der hl. Barbara und der hl. Katharina[3] stehen ebenfalls am Lettner und sind Teil des gottesdienstlichen Geschehens am Zelebrationsaltar vor ihnen.
 
Auf der dem Hochaltar zugewandten Seite ist eine Verkündigungsszene abgebildet. Sie steht nicht ohne Grund an dieser dem Hochaltar zugekehrten Stelle, denn mit der Verkündigung an Maria wurde die Menschwerdung Christi angekündigt, mit ihr begann unsere Erlösung, deren Gedächtnis am Hochaltar gefeiert wurde.
Das Stadtwappen, das Wappen Vorderösterreichs und das des Heiligen Römischen Reiches unter dem Lettner rufen Breisachs Geschichte in Erinnerung. Der Lettner ist ein hochrangiges Kunstwerk und eine großartige Ouvertüre zum Hochaltar des Meisters H.L., der sich, wenn wir ihn durchschreiten, wie eine Offenbarung vor uns auftut.
 
 
Der Reliquienschrein
Breisach hat zwei Reliquienschreine. Der ursprüngliche befindet sich in der Nische im Chor, während der im Jahre 1496 entstandene Schrein in den Altar integriert ist. Reliquien der Heiligen erfuhren in der katholischen Kirche schon immer eine besondere Verehrung. Durch sie war man dem Heiligen nahe. Über ihrem Grab im Altar musste das Messopfer gefeiert werden. Der Reliquienkult erlebte vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert eine Hochblüte. In der Barockzeit versuchte man die Heiligen möglichst „lebensecht“ in Glassarkophagen darzustellen. Durch ihre Gebeine waren die Märtyrer und Heiligen in unseren Kirchen geradezu physisch anwesend und konnten um ihre Fürbitte angerufen werden. Ihre bei uns verbliebenen Reste bildeten eine Brücke zwischen Himmel und Erde. Der Breisacher Reliquienschrein[1] ist eines der herausragendsten Kunstwerke der Goldschmiedearbeit dieser Epoche in unserer Erzdiözese. Auf beiden Hauptseiten steht das Kreuz im Mittelpunkt. Ihn zieren zahlreiche Darstellungen der Heiligen, der Märtyrer und ihrer Eltern, und die Schilderung der Geschichte der Überbringung der Reliquien. Er macht den Zelebrationsaltar zu einem Ort, der die Zeit der frühchristlichen Christenverfolgung, über das Mittelalter, mit unserer Gegenwart verbindet.
 
 
Sakramentshaus
Auf der linken Seite des Lettners befindet sich das Sakramentshaus. Dieser Standort gab unproblematisch die Möglichkeit, dieRichtlinien des 2. Vatikanischen Konzils zu vollziehen, nach denen die hl. Eucharistie möglichst an einem Platz aufbewahrt werden soll, der vom eigentlichen Ort der Zelebration getrennt ist.
 
Im linken Seitenschiff ist auf diese Weise ein Ort des Gebetes entstanden, der zur persönlichen Andacht vor dem Altarsakrament genutzt werden kann, für kleinere Gottesdienstfeiern dient und mit dem Heiligen Grab zur Meditation einlädt. Das Sakramentshaus ist 4,5 m hoch; es steht fast etwas versteckt auf der linken Seite des Lettners. Im Zeitalter der Entstehung des Lettners wurde auch seine scklanke, hoch aufragende Form geschaffen. Der Tabernakelbereich ist von musizierenden Engeln umgeben, die überhaupt im Breisacher Münster eine große Rolle spielen. Das flackernde ewige Licht weist darauf hin, dass hier die Eucharistie unter uns dauernd gegenwärtig ist. Der Herr wartet auf uns. Er kommt nicht im Sturm, sondern im sanften Windhauch (1Kön 19, 12 -13).
Heiliges Grab
In dieser Konche finden wir auch das Hl. Grab, das 1517 entstanden ist[1]. Es gehört zu dem Nischentypus der Heiligen Gräber, wie  wir sie auch in Wissembourg, Gengenbach und Freiburg finden. Vor allem das Hl. Grab in Gengenbach[2] aus dem Jahre 1505 weist eine große Ähnlichkeit mit unserem Hl. Grab auf. Beide Gräber sind in der Darstellung der Skulpturen sehr komprimiert. Sie zeigen den gleichen Grundaufbau, von den schlafenden Wächtern über den Leichnam Christi mit den hinter ihm stehenden Marien bis zur Skulptur des Auferstandenen. Das Maßwerk ist in Gengenbach üppiger gestaltet, während der Breisacher Künstler die am Grabe kauernden Wächter besonders hervorgehoben hat. Beiden Werken ist gemeinsam, dass sie mit der Grablegung zugleich ein Bild des Auferstandenen verbinden. In Christi Tod ist für ihn und uns zugleich die Auferstehung gegenwärtig. So hat die Grablegung im Breisacher Münster zugleich etwas überaus Tröstendes. Wir nehmen bei der Versenkung in seinen Tod zugleich an seiner Auferstehung teil, denn der Herr schwebt bereits als Sieger über seinem Grab: „Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.  Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen  auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. (1Kor 15, 20-22). Entgegen vielen oft etwas zu theatralisch geratenen Heiligen Gräbern der Barockzeit wird das Hl. Gab in Breisach noch liturgisch in der Karwoche genutzt. Es ist aber auch ein einladender Ort der Meditation in der Nähe unseres im Altarsakrament anwesenden Herrn.
 
Als weitere künstlerische Bereicherung entdecken wir hinter dem Altar eine gotische Kreuzigungsgruppe, die von einem ehemaligen Altar stammt und die barocken Rosenkranzmedaillons[3], die auf wundersame Weises wieder nach Breisach zurückgekehrt sind. Mit der Kreuzigungsgruppe, den Rosenkranzmedaillons, einer Andachtsform, in der das Leben und Leiden  Christi durchmeditiert wird, dem  Hl. Grab mit der Skulptur des Auferstandenen und dem im Sakramentshaus gegenwärtigen Herrn ist dieser Bereich des Münsters ein besonderer Ort des Glaubens und Betens.
 
Der Hochaltar, eine Offenbarung
 Das Breisacher Münster hat, wie die meisten mittelalterlichen Kirchen, eine Fülle von Altären  besessen.[1] Die Krone seiner Altäre und mit ihm einer der Höhepunkte der Bildhauerkunst der Spätgotik ist der 1526 vollendete Hochaltar des Meisters HL[2], der sich nach dem Durchschreiten des Lettners und der Passage an dem schönen Chorgestühl[3] vor uns auftut. HL hat sicher den kurz davor entstandenen Hochaltar des Freiburger Münsters gekannt. Er hat aber die Virtuosität des Freiburger Altares noch weiterentwickelt, obwohl er als Bildhauer mit einem spröderen Material zu tun hatte.  Der Faltenwurf der Kleidung  von Maria, Gottvater und Christus ist bis an die Grenzen des Möglichen gesteigert und die Kronen sind vergrößert und bei Maria sogar mit einem Himmelskonzert versehen. HL hat in Breisach einen Altar geschaffen, der sich durch außergewöhnliches Können und einen unverwechselbaren eigenen Stil auszeichnet. Mehr Bewegung im Zentralbild der Marienkrönung ist kaum möglich. Mitten in der begonnenen Reformation ist der Altar nochmals ein großes Glaubensbekenntnis. Er schildert im zentralen Mittelteil die höchste Vollendung, die ein Mensch erlangt hat. HL begleitet diese Darstellung in den Seitenflügeln mit den beiden Kirchenpatronen, dem hl. Stephanus  und dem hl. Laurentius (links) sowie den Stadtpatronen, dem hl. Gervasius und dem hl. Protasius (rechts). Sie sind die „Wolke von Zeugen“, die uns umgibt (Hebr 12,1). Kirchenpatrone und Stadtpatrone sind in der gleichen Größe dargestellt. Dass  der Künstler sie vor einen ruhigen Hintergrund gestellt hat, steigert noch den Eindruck der Virtuosität der Marienkrönung. Unter ihr befinden sich gleichsam als Garanten der frohen Botschaft die vier Evangelisten, die zugleich verschiedene Lebensstufen des Menschen darstellen. Bemerkenswert ist, dass die drei Synoptiker „fast ineinander verwoben“ in ihren Büchern gemeinsam das Evangelium niederschreiben, während Johannes für sich die frohe Botschaft festhält. Wie eine nochmalige riesige Krone steht das Gesprenge über dem Hochaltar. Dass in der Spitze der Schmerzensmann dargestellt ist, zeigt, dass Christus uns die himmlischen Freuden mit seinem Leiden teuer erkauft hat.
 
Vergleicht man ihn mit zeitgenössischen Marienaltären, kommt man zu der Ansicht, dass das Außergewöhnliche seiner Wirkung auch darin liegt, dass der Bildhauer sich auf eine einzige Szene im Mittelbild, die Marienkrönung, als dramatischen Höhepunkt, beschränkt hat, während andere Marienaltäre oft viele Details aus dem Marienleben bringen.
 
Der Altar entstand am Ende der Gotik und hat schon aus der Virtuosität und Überschwänglichkeit des noch ferne liegenden Barockstiles geschöpft, was die Dramatik der Krönung und auch die Darstellung der zahlreichen Putten[4] offenbaren, die zwischen Maria und den göttlichen Personen ein himmlisches Konzert veranstalten. Es ist Zeugnis der ewigen Freuden, die allen Menschen verheißen ist: „Ihn habt ihn nicht gesehen und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht, aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil“. (1Petr 1, 8-9)
Bis in die jüngere Zeit wurde die Liturgie am Stephanusfest und Maria Himmelfahrt am Hochaltar gefeiert. Da heute der Hochaltar normalerweise nicht mehr für die Liturgie benutzt wird, nehmen im Chor jetzt die Kinder am Gottesdienst teil.
 
Ein theologisches Konzept des Breisacher Münsters?
Eine Barockkirche hat meist ein geschlossenes theologisches Konzept, vor allem wenn es von einem gelehrten Abt oder Mönch den Künstlern vorgegeben wurde. Dies gilt üblicherweise nicht für mittelalterliche Kirchen, die immer wieder dem Zeitgeschmack angepasst wurden, dadurch und durch kriegerische Auseinandersetzungen herbe Verluste erlitten. Das Beeindruckende am Breisacher Münster ist indessen, dass die verschiedenen historischen und künstlerischen Schichten, die im Laufe der Jahrhunderte das Gotteshaus prägten, uns ein überzeugendes Konzept hinterlassen haben. Es empfängt uns mit dem 'Jüngsten Gericht', das uns zur Entscheidung auffordert, und endet schließlich mit der himmlischen Verklärung in der Marienkrönung des Hochaltares. Und ein entscheidendes theologisches Konzept ist schließlich vor allem die Tatsache, dass dieses Gotteshaus über die Jahrhunderte allen Stürmen widerstand und ein immerwährendes Lob Gottes über die Stadt und unsere Landschaft verkündet.
 

Quelle: Martin Hau